Aufgrund hoher Nachfrage ist unsere Warteliste derzeit geschlossen. Bei freien Kapazitäten informieren wir auf unserer Seite. Danke für Ihr Verständnis!
Medikamente in der Psychiatrie – gemeinsam entscheiden
Wie bei zahlreichen körperlichen Erkrankungen, kann man auch in der Psychiatrie auf Medikamente nicht verzichten. Solche Stoffe, die auf die Psyche einwirken können, werden Psychopharmaka genannt.
Bei jedem Medikament sollten Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt entscheiden, ob der Einsatz für Sie sinnvoll ist. Dabei nennt Ihre Behandlerin oder Ihr Behandler Symptome, die in der Behandlung besonders wichtig sind. Diese werden als Zielsymptome bezeichnet.
Wirkungen und unerwünschte Wirkungen (Nebenwirkungen) der Medikamente sollten immer gegenübergestellt werden. Informieren Sie sich vor der gemeinsamen Entscheidung ausführlich über mögliche Nebenwirkungen. In den Begleitinfos der Präparate sind oft viele unerwünschte Wirkungen aufgeführt. Sicher treten sie nicht alle gleichzeitig und nicht in gleicher Häufigkeit auf – hier kann Ihre Ärztin oder Ihr Arzt Sie gezielt beraten.
Stellen Sie sich Wirkungen und Nebenwirkungen wie zwei Waagschalen vor: Überwiegen die gewünschten Effekte, spricht das eher für den Einsatz des Medikaments.
Körperliche Erkrankungen und andere Medikamente beachten
Besprechen Sie mit Ihrer Psychiaterin oder Ihrem Psychiater und ggf. Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen auch Ihre körperlichen Erkrankungen. Manche können die Aufnahme, Wirkung und den Abbau von Psychopharmaka beeinflussen.
Auch alle anderen Medikamente, die Sie von Ärztinnen oder Ärzten anderer Fachrichtungen bekommen, sollten bekannt sein. Viele Präparate beeinflussen sich gegenseitig in ihrer Wirkung – teilweise auch in ihren Nebenwirkungen. Die Wirkung kann sich verstärken, abschwächen oder sogar ganz aufheben. Fachleute sprechen hier von Wechselwirkungen oder Interaktionen – sie sind wichtig für die sichere und wirksame Medikation.
Medikamente im Verbund mit anderen Therapien
In der Psychiatrie werden Medikamente meist nicht allein, sondern in Kombination mit anderen Therapieverfahren eingesetzt. Psychotherapie, soziale Unterstützung, Ergotherapie oder Bewegungstherapie ergänzen die medikamentöse Behandlung oft sinnvoll. Gerade diese Kombinationstherapie kann zu einem schnelleren und nachhaltigeren Therapieerfolg führen.
Sechs Medikamentengruppen in der Psychiatrie
In der psychiatrischen Behandlung kommen insgesamt sechs wichtige Medikamentengruppen zum Einsatz, die auf dieser Seite kurz vorgestellt werden. Nicht alle Wirkungen und Nebenwirkungen können hier im Detail aufgeführt werden. Das Lesen dieser Seite ersetzt kein persönliches Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt – nur dort lässt sich die Medikation individuell und sicher mit Ihnen besprechen.
Antidepressiva
Antidepressiva wirken gegen depressive Zustände. Manchmal werden sie auch bei Schlafstörungen eingesetzt. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Antidepressiva, die sich in ihrem Wirkspektrum aber auch in ihren unerwünschten Wirkungen unterscheiden. Die wesentlichen erwünschten Wirkungen von Antidepressiva sind die Verbesserung der Stimmung, die angstlösende Wirkung, die Wirkung auf Zwangssymptome, die Beeinflussung des Antriebs und die schmerzlindernde Wirkung.
Unerwünschte Wirkungen von Antidepressiva können sich von Substanz zu Substanz unterscheiden. Vielen ist zu eigen, dass sie – besonders in den ersten Wochen der Behandlung – aufgrund des gestiegenen Antriebs der Personen suizidale Gedanken- und Handlungen verstärken können. In manchen Fällen können sie akute Psychosen auslösen. Bei Menschen, die an einer bipolaren Störung leiden, können Antidepressiva einen Wechsel in einen manischen Zustand bewirken. Wichtig ist: Antidepressiva machen nicht süchtig.
Schlaf- und Beruhigungsmittel
Hypnotika und Sedativa
Bei zahlreichen psychischen Erkrankungen ist der Schlaf gestört. Oft sind sie auch begleitet von Angst und Unruhe oder Spannungszuständen. Hier können Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt werden. Die meisten gehören der Gruppe der Benzodiazepine an.
Benzodiazepine schaffen meist in kurzer Zeit ein Wohlfühlgefühl. Angst, Spannung und Sorgen treten in den Hintergrund. Gleichzeitig machen solche Medikamente müde. Manchmal werden sie auch bei Anfallserkrankungen eingesetzt. Auch haben sie auf die Muskulatur eine entspannende Wirkung.
Benzodiazepine unterscheiden sich in erster Linie durch die Wirkdauer. Manche wirken rasch, andere erst nach einer gewissen Zeit.
Benzodiazepine können süchtig machen. Sie werden daher in der Psychiatrie in den meisten Fällen nur kurzfristig, etwa vier bis sechs Wochen lang, eingesetzt und dann wieder vorsichtig reduziert und abgesetzt. Sie wirken dämpfend, machen müde und beeinträchtigten die Verkehrstüchtigkeit. In bestimmten Fällen können sie auch die Atmung beeinflussen.
Neben Benzodiazepinen werden manchmal auch Neuroleptika als Schlafmittel verwendet. Zur Behandlung der Angst können neben den Benzodiazepinen u.a. auch das Antiepileptikum Pregabalin, Buspiron, Opipramol oder ß-Rezeptorenblocker eingesetzt werden.
Phasenprophylaktika
Sie werden in erster Linie bei der bipolaren Störung eingesetzt. Bei einer solchen Störung wechseln sich Hochgefühle und Energieüberschuss sowie ein übermäßiger Tatendrang mit depressiven Zuständen ab. Ziel ist es, die Stimmung in Mittellage zu halten und den Wechsel von einem in den anderen Zustand zu verhindern. Sie wirken vorbeugend. Daneben können sie auch in manischen Phasen wirkungsvoll eingesetzt werden.
Typische Phasenprophylaktika sind Lithium, Valproat und Lamotrigin.
Lithium wirkt sich auf die Erregung von Nervenzellen und auf den Zellstoffwechsel aus. Es ist u.a. gut wirksam bei akuten manischen aber auch bei depressiven Zuständen, dann wird es häufig mit einem Antidepressivum eingesetzt. Außerdem wirkt es bei bipolaren Störungen vorbeugend.
Lithium muss vom Arzt exakt und auf jede einzelne Person eingestellt werden. Sein Wirkkorridor ist nur klein. Die Konzentration im Serum sollte weder zu gering noch zu hoch sein. Eine Vergiftung mit Lithium ist lebensbedrohlich. Deshalb ist eine besonders enge und regelmäßige Zusammenarbeit mit dem Therapeuten unbedingt erforderlich.
Weitere unerwünschte Wirkungen von Lithium sind die mögliche Schädigung der Schilddrüse und der Nieren. Auch Veränderungen am Herzen sind möglich. Zu Beginn einer Behandlung kann es auch zu Haarausfall oder zu Hautveränderungen kommen.
Valproat
In manchen Fällen kann Lithium zur Vorbeugung bei bipolaren Störungen nicht eingesetzt werden. Hier bietet sich als Alternative das Antiepileptikum Valproat an. Es wirkt besonders gut und rasch in manischen Phasen und kann bei guter akuter Wirksamkeit auch zur Weiterbehandlung eingesetzt werden. Die Gewichtszunahme, Störungen der Leberfunktion auch Blutbildveränderungen, aber auch ein Händezittern oder Kopfschmerzen werden bei einer Therapie mit Valproat beobachtet.
Lamotrigin
Wie Valproat wird Lamotrigin zur Vorbeugung eingesetzt, besonders wenn es zu überwiegend depressiven Phasen gekommen ist. Für eine antimanische Behandlung hat das Medikament keine Zulassung. Lamotrigin muss sehr langsam eindosiert werden, weil es sonst zu Hautreaktionen kommen kann. Häufige unerwünschte Wirkungen von Lamotrigin sind Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Schwindel, Händezittern und Magen-Darmbeschwerden. Von meinem iPad gesendet
Antipsychotika (Neuroleptika)
Seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts werden Antipsychotika mit großem Erfolg in der Psychiatrie zur Behandlung von psychotischen Zuständen eingesetzt. Heute gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Antipsychotika. Es werden konventionelle sog. „typische“ Antipsychotika von „atypischen“ Antipsychotika unterschieden. Antipsychotika sorgen für eine gute Reizabschirmung. Sie verschaffen den erkrankten Menschen ein dickeres Fell. Sie reduzieren innere Spannung und Erregung und nehmen oft die Angst.
Die konventionellen Antipsychotika sind gut wirksam, können jedoch eine Reihe von unangenehmen unerwünschten Wirkungen auslösen. Die extra-pyramidal-motorischen Wirkungen (EPS) verändern die Beweglichkeit. Besonders betroffen sind die Feinbewegungen: „Typische“ Antipsychotika bewirken ein Gefühl von Steifheit, manchmal verursachen sie auch Sehstörungen oder Schluckbeschwerden. Oft gelingt es den Betroffenen nicht mehr, ruhig zu sitzen (Akathisie). Auch können sie die Sexualität beeinträchtigen. Bei langjähriger Behandlung mit konventionellen Antipsychotika werden unwillkürliche Schmatz- oder Kaubewegungen beobachtet.
Bei den „atypischen“ Antipsychotika ist die Gefahr der extra-pyramidal-motorischen (EPS) Wirkungen deutlich geringer. Sie sorgen dafür, dass sich Konzentration, Gedächtnis und Lernleistung der psychotisch erkrankten Menschen bessern können. Allerdings sind auch diese moderneren Medikamente nicht frei von unerwünschten Wirkungen. Sie steigern in manchen Fällen den Appetit und sorgen rasch für eine Gewichtszunahme. Der Bauchumfang nimmt möglicherweise zu. Auch die Blutfette erhöhen sich. Es besteht die Gefahr, an Diabetes oder an Herz-Kreislauf-Beschwerden zu erkranken. Manche atypischen Antipsychotika verursachen Verstopfung oder eine Mundtrockenheit. Mitunter werden auch Sexualstörungen beobachtet.
Jede auftretende unterwünschte Wirkung der Antipsychotika sollte stets mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden. Oft führen eine Dosisveränderung oder ein Wechsel des Medikamentes zur Besserung der beschriebenen Symptome.
Antipsychotika müssen oft jahrelang eingenommen werden. Sie sollten nie plötzlich und komplett abgesetzt werden. Die Gefahr neu auftretender psychotischer Symptome ist dann sehr groß.
Antidementiva
Antidementiva können Gedächtnis, Konzentration sowie die Lern- und Denkfähigkeit positiv beeinflussen. Sie können den Abbauprozess leider nicht komplett verhindern, aber den Verlauf der Erkrankung verzögern. Sie wirken auf verschiedene Botenstoffe im Gehirn. Ein typischer Botenstoff ist das Acetylcholin. Es ist bei Patientinnen und Patienten mit einer Alzheimer-Erkrankung vermindert. Die Wirkung von Acetylcholin kann durch unterschiedliche Mechanismen verbessert werden. Gleiches gilt für den Botenstoff Glutamat. Antidementiva sind in der Regel recht gut verträglich. Manche von ihnen machen Appetitstörungen oder Magen-Darmbeschwerden. Es wird diskutiert, ob sie Krampfanfälle auslösen können. Ebenso sind Herzrhythmusstörungen, besonders die Reduzierung der Herzfrequenz, beschrieben.